Mai

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Original Favorite Reparaturanleitung Teil II

By Coffee2Cup

Ich habe den ersten Teil der Reparaturanleitung vor zig Jahren geschrieben, wahrscheinlich etwas konfus und so das andere da nicht durchblicken können. Aber mich haben auch nicht wenige Leute angeschrieben, via Mail oder via Telefon, die dieses als Basiswissen für ihre eigene Original Favorite verwendet haben.
Da meine drei Original Favorite (n) nie wieder zu reparieren war, habe ich mich auch damit nicht mehr beschäftigt.

Diese Reparaturanleitung Teil 2 kommt von Clemens Winterhalter. Ich habe ihn gefragt, ob er sie mir zur Verfügung stellt, damit ich sie hier veröffentliche.

Wartungsanleitung
Zwanger Favorite Kaffeemühlen dieser oder ähnlicher Bauart

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Meine beiden Maschinen verwende ich regelmäßig, mahle damit meinen Espressokaffee.
Das ist problemlos auch in großen Portionen (eine Trichterfüllung) möglich.
Da die Geräte alt aber funktional, schön und erhaltenswert sind, brauchen sie ein wenig Zuwendung, wenn mann sie auf Dauer nicht nur anschauen sondern auch benutzen möchte.
Bei der Einstellung des Mahlgrades gab es Probleme, Die gewünsche Feinheit für den Espresso war nicht zu erreichen, der Kaffee zu grob und ungleichmäßig gemahlen. Die Einstellung erfordert zu viel Kraft.

Konstruktion des Mahlwerks:

Zwei Mahlscheiben, eine feste innere und eine axial auf der Motorwelle verschiebbare äußere, rotieren gegeneinander. Der Abstand der Scheiben bestimmt die Feinheit des gemahlenen Kaffees.
Das kann mit dem Regulierrad eingestellt werde.
Im Inneren des Einstellrades sorgt eine Lochscheibe aus Kunststoff dafür, das das stufenweise geschehen kann. Die Lochscheibe drückt mit ihrem Gewindekern auf einen metallischen Stempel, der die äussere Mahlscheibe je nach Stellung des Rades mehr oder weniger an die innere Scheibe heranführt.
Für die Regulierung sind zwei Dinge wichtig,

• die äußere Mahlscheibe muss sich axial auf der Motorwelle leicht gegen die innere bewegen können.
• der Spalt zwischen äußerer und innerer Mahlscheibe muss über die Regulierschraube durch den Stempel verändert werden können, der kugelgelagerte Stempel selbst muss sich frei radial mitdrehen.

Beide Funktionen sind durch den Gebrauch der Maschine (Kaffeereste) Verschmutzung und Verschleiß unterworfen und müssen gelegentlich gereinigt werden.

Vorgehen:

Es muss zunächste der Regulierknopf auf Stufe 9 (ganz grob) herausgedreht und entfernt werden. Kunststofflochscheibe herausdrehen, der Raststift sitzt lose auf einer Feder. Danach die beiden Rändelschrauben lösen und den kompletten Einstellkopf abnehmen.

Wartung des kugelgelagerten Stempels:

Mit dem Finger oder wenn das nicht geht, mit einem geeigneten Werkzeug den Stempel zur Innenseite hin herausdrücken.
Das Kugellager mit einem kleinen Abzieher abnehmen. Darauf achten, dass die Kugeln und die Distanzscheibe auf dem Kugellager nicht verloren gehen. Das Lager hat keinen geschlossenen Käfig! Das Lager mit Waschbenzin sorgfältig reinigen und mit geeignetem Kugellagerfett wieder befüllen (das ganze geht notfalls auch ohne das Lager abzuziehen). Den Stempel wieder aufstecken. Er muss sich nun leicht drehen können. Die Distanzscheibe nicht vergessen!
Ein blockierendes Lager zerstört sowohl die Lagerbüchse im Kopf als auch den Stempel selbst, die Auflagefläche der äußeren Mahlscheibe und die Mitnehmerplättchen aus Pertinax. Wegen der großen Kräfte wird auch die Lochscheibe aus Kunststoff zu sehr belastet, wird heiß und verformt sich, evt. sogar dauerhaft („eiert“).

Wartung der äußeren Mahlscheibe:

Abnehmen der äußeren Mahlscheibe.

Von grobem Werkzeug und Gewalt rate ich ab, das Material ist relativ weiches Metall, (Eisen die Welle,die Hohlachse der Mahlscheibe, Aluminium das Maschinengehäuse), also ist Vorsicht geboten, um Beschädigungen der Oberflächen und spätere Unwucht der Scheibe zu vermeiden. Geht etwas kaputt, ist die Maschine unwiederbringlich verloren, Ersatzteile sind ja nicht mehr verfügbar *. Die Mahlscheiben selbst sind komplex geschliffen und nicht reparabel oder aufzuarbeiten.

Ich rate zu folgendem Vorgehen:

Kunststoffplättchen (Pertinax) im dem Spalt zwischen Motorachse und Mahlscheibe lockern und mit einer geeigneten Zange entfernen.
„Einweichen“ des Spaltes zwischen Motorwelle und Scheibenachse mit einem lebensmittelgeeigneten Öl z. B. Ballistol. Die Hohlachse und Scheibe haben einen Schlitz, der muss nun mit einem geeigneten Werkzeug sicher festgehalten werden.
Hier hilft evt. nur ein selbstgebautes „Spezialwerkzeug“

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Flacheisen mit passender Aussparung für die Befestigungsschrauben des Einstellkopfes, Schlitz zur Aufnahme der Festhaltekeile /Schraubenzieher zum Festhalten der äußeren Mahlscheibe, zentrales Loch 10mm für den Schlitz in der Motorachse.
Besser komplett aus einem passenden T-Eisen gesägt, gefeilt und gebohrt, oder ein großer Schraubenzieher. Mit einem zweiten Schraubenzieher mit der Klingenbreite von 10mm kann nun die Motorachse gegen die Hohlwelle der Mahlscheibe losgerrüttel werden. Sie kommt dann durch drehen von selbst nach vorne. Ein Schraubenzieher vorsichtig von unten zwischen die Trägerplatten der beiden Mahlscheiben hilft dabei. Alles ein paarmal hin und her, so wird die Scheibe ganz aus dem Gehäuse herausbefördert und kann komplett von der Motorachse abgezogen werden.
Reinigung der Hohlachse und der Motorwelle mit Ballistol auf einem Leinenstreifen. Kein Schmirgelpapier!
Nach dem Aufsetzten muss sich die Scheibe auf der Achse wieder leicht nach innen drücken lassen. Sie kommt durch eine Feder nach dem Eindrücken wieder etwas heraus, das muss so sein.

Zusammenbau in umgekehrter Reihenfolge.

Die Nullstellung der Regulierschraube (= kleinster Mahlgrad) wird durch Rechtsdrehen bei laufendem Motor bis zum metallischen Kontakgeräusch zwischen den beiden Mahlscheiben gefunden. Ein Loch zrückdrehen und die Regulierschraube mit der Null nach oben wieder aufsetzen.
Fertig.
Nach diesen Maßnahmen ließ sich der Kaffee sehr fein und gleichmäßig mahlen.
Ich bin seither vollauf zufrieden.

Nach bestem Wissen und Gewissen, aber natürlich ohne Gewähr!
* ungeprüft ebay 21.3.2012: Die Maschine hat die gleichen Mahlscheiben wie die Olympia Express Moca und sind austauschbar. www.olympia-express.ch

Frankfurt, Dezember 2012
Clemens Winterhalter

Dokumentation in Bildern

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2 Antworten bisher

Vielen Dank, für die gute Beschreibung!!!
Dank ihnen habe ich mich getraut, eine Favorite, Bj.57 (in Motor eingestanzt) bei ebay zu kaufen, und instand zu setzen. Ich hatte noch einen „hakenden“ Schalter, so dass zwar Strom floss, aber der Motor nicht anlief.
Kurz, die Maschine läuft und bringt einen feinen Mahlgrd für guten Espresso!

noch einmal vielen Dank aus Magdeburg!

Hallo, tolle Beschreibung – vielen Dank! Habe das Mahlwerk meiner K1A nun freigelegt und gereinigt. Sehr hilfreich war ein „Schlüssel“ eines Winkelschleifers. Die beiden runden Dorne, mit denen dort die Scheibe gelöst wird, habe ich so flach angefeilt, das sie in den Schlitz der äußeren Mahlscheibenhalterung passen – und damit den richtigen Hebel.
Allerdings läuft der Motor nicht richtig an. Ich muss von Hand nachhelfen, auch die Drehrichtung stimmt nicht, wenn die Maschine mal von allein durchstartet. Nehme an, da ist ein Kondensator defekt. Aber wie komme ich dran?
Den hinteren Deckel ab, dort ist der Motor mit vier Schrauben am Gehäuse befestigt. Aber wenn ich die löse, bewegt sich da gar nix. Gibt es noch weitere Befestigungen, oder ist der nur (mit der Farbe) verklebt? Liegt das überhaupt am Kondensator, und kann man den tauschen?

Viele Grüße
Jochen

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